Maria Richlowsky (1913 - 1986)

Maria Richlowsky kam mit den Flüchtlingen des zweiten Weltkriegs nach Ahlen in Westfalen. Zu diesem Zeitpunkt war sie Ehefrau von Franz Richlowsky, der beim Militär seinen Dienst an der russischen Front tat. Sie hatte bereits zwei von sieben Kindern: Christa, die älteste Tochter und Heinz, den ältesten Sohn.

Maria konnte nähen und verdiente den Lebensunterhalt mit der Nähmaschine. Nach der Rückkehr ihres Mannes aus der Gefangenschaft wurde weitere fünf Kinder geboren. Manfred, Walter, Anita, Ingrid und Helga. Maria nähte weiter, am Tag und in der Nacht, mit dem Stillkind auf dem Schoß. Franz hat es nie geschafft, für das Auskommen seiner Familie zu sorgen. Er war auf Hilfe angewiesen. 

Mir ist diese starke Frau als Großmutter bekannt. Als Tochter von Ingrid war ich das dritte Enkelkind. Meine Oma schien mir wie ein Fels in der Brandung. Doch schon früh merkte ich, dass sie ihre Gefühle hinter einer sehr rauen Schale verborgen hielt. Heute, rückblickend, weiß ich, wie stark sie belastet und erschöpft war. Sie erzählte wenig von ihrer Flucht, die sie zu Fuß erledigte. Nur, dass sie sich um Heinz sorgte, der niemals Zwiebeln essen wollte. Mein Onkel aß auch später keine Zwiebeln. In Kriegszeiten hat er seine Mutter damit in die Sorge versetzt, er könnte verhungern, denn oft war außer Zwiebeln wohl schlicht nichts im Angebot.

Die kleine und etwas mollige Frau hat ihr Leben stets allein gemeistert. Franz, der Ehemann, kam krank aus der Gefangenschaft nachhause. Er starb im Mai 1967 und ließ Marie als Witwe ohne finanziellen Hintergrund zurück. Sie arbeitete als Rentnerin in einem Bekleidungshaus als Mädchen für alles. Es wirkte wie ein Gnadenbrot. 

Ihr Geschmack und ihr Gespür für Qualität zeigte sich, wenn sie für ihre Enkel nähte und strickte. Maria Richlowsky war immer arm, doch mir als ihrer Enkelin konnte sie ein fundiertes Wissen über Schurwolle und Alpaka, Viskose und Abnäher, Biesen und Endlosreißverschlüsse vermitteln. Heute, selbst schon im Großmutteralter, denke ich mit Traurigkeit an meine Großmutter zurück. Sie hatte viel Ärger mit ihren Söhnen, die allzu gern in die Flasche schauten. Ihre Mädchen hatten sich besser im Griff und wurden von einst verspotteten Flüchtlingskindern im NRW der Nachkriegszeit zu gestandenen Frauen, Müttern,  Persönlichkeiten. Meine Oma war immer sparsam mit sich selbst. Sie kleidete ihre Enkel ein, half den Töchtern und Schwiegertöchtern bei Hausarbeit und Kindererziehung und war selbst, aufgrund ihrer Armut, bis fast zum Tod in Lohn und Brot. 

Altersarmut war damals als Begriff noch nicht bekannt, aber praktisch häufig anzutreffen. Maria war großzügig, oft richtete sie Mahlzeiten für ihre Kinder und Kindeskinder aus, die ihr Budget wahrscheinlich überstiegen. Und sie hielt ihre Leute auf Kurs. 

Sie war nicht nett und bescheiden. Wenn ihr etwas nicht passte, sagte sie es laut und deutlich. Die Prinzessin in ihr konnte sie nicht ausleben, dafür verlangte das Leben zu viel von ihr. Ich erinnere mich an einen Herren, der ihr mit einem Nelkenstrauß Avancen machen wollte. Sie schickte ihn der Haustür weg und kam dann ins Wohnzimmer, wo wir Kinder uns aufhielten. „Der spinnt wohl, was soll ich denn jetzt mit einem neuen Kerl. Bin ja froh, dass ich meine Ruhe hab.“ So deutlich war sie. Eine Lektion klingt heute noch in mir nach. Ich war ungefähr sechs Jahre alt, als Oma Maria mir beibrachte: „Vergiss nie, zum Kacken ziehen alle die Knie an.“ Durch diesen Hinweis blieb mir eine übertriebene Angst vor Autoritäten erspart. 

Diese scheinbar harte, extrem pragmatische Frau ließ mich in ihrem Bett schlafen, wenn ich Angst vor Gewitter hatte. Über ihrem Bett hing ein Bild mit Engeln. Darauf stand ein Spruch: 

Zufriedenheit ist große Kunst,
zufrieden scheinen bloßer Dunst,
zufrieden werden großes Glück,
zufrieden bleiben Meisterstück.

Sollte das ihre Philosophie sein? Als ich darüber nachdachte, war sie bereits verstorben und ich konnte sie nicht mehr fragen, wonach sie strebte oder woran sie glaubte. 

Und was macht meine Großmutter zu einer Frau, die hier auf dieser Seite zwischen Elfriede Jelinek, Yoko Ono und Dora Maar Platz findet? Drei Argumente kann ich liefern:

1.      Sie gehörte zu denen, die die Verwüstungen des Krieges aufgeräumt haben.

2.      Wenn sie lachte, hat ihr Bauch gewackelt und wir Kinder haben sie dafür geliebt.

3.      Frauen wie Maria Richlowsky haben die Welt beeinflusst, still, leise und unbemerkt. 

Gerade zu Weihnachten denke ich oft an die Frau, für die der Spruch von der harten Schale um den weichen Kern wie gemacht schien. Es gab stets ein Gedeck mehr als Gäste am Tisch waren. Warum? Weil immer ein ungebetener Gast, der in Not war, auftauchen konnte. Das geschah nie, aber die Sitte setze ich mit meiner eigenen Familie sehr gern fort. Sie lebt ein wenig in mir weiter, nicht nur genetisch, sondern durch die vielen Weisheiten, die sie mir vermittelt hat. Und sie lebt in ihren Enkeln und Urenkeln fort, die sich inzwischen in der Welt verteilt haben. Oma Maria hat ihre Nachfahren geprägt, die heute in Wissenschaft und Bildung, in der Wirtschaft, der Kunst und im Handwerk tätig sind. Ein Urenkel  hat es bis ins Silicon Valley geschafft. Leider hat sie den Erfolg ihrer Nachkommen nur in Ansätzen erlebt. Ich ziehe meinen Hut vor einer Frau, die zur Freiheit und Unkonventionalität gezwungen wurde, die viel Armut und wenig Bildung hatte und trotzdem wie ein Fels in der Brandung wirkte, um die Ihren zu stützen. 


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